„Und? Was machst du am Wochenende?“
„Keine Ahnung, mal schauen.“
„Na dann, schönes Wochenende! Das Wetter soll ja super werden!“
Als ich mich am Freitagnachmittag von meiner Bürokollegin verabschiedete, wusste ich in Wahrheit schon sehr genau, was ich tun würde. Allerdings würde ich das niemandem erzählen. Denn das, was ich vorhatte, war ganz allein meine Sache. Wie immer würde ich in den Supermarkt fahren und Berge von Essen einkaufen. Danach würde ich zu Hause kochen, essen und wenig später alles wieder erbrechen. Ich litt seit Jahren an Bulimie und inzwischen drehte sich mein ganzes Leben nur noch ums Essen. Einkaufen, kochen, essen und dann erbrechen. Etwas anderes gab es in meiner Freizeit schon lange nicht mehr. Deshalb würde ich auch an diesem Wochenende das tun, was ich immer tat. Ganz egal, wie das Wetter war: Ich würde zu Hause bleiben. Denn zu Hause war ich ungestört. Unternehmungen mit Familie oder Freunden waren schon lange Vergangenheit. Der Rhythmus von Essen und Erbrechen hatte mich inzwischen so fest im Griff, dass ich mich kaum noch daran erinnern konnte, wie mein Leben früher einmal ausgesehen hatte.

Das einzige, woran ich mich allerdings noch genau erinnern konnte war, dass ich schlank sein wollte.
Eine Mitschülerin hatte mich dann eines Tages darauf gebracht, wie ich mein Gewicht angeblich „ganz leicht halten“ konnte.
„Du kannst essen, was du willst und nimmst doch nicht zu!“
Ich sollte mir nach dem Essen einfach den Finger in den Hals stecken und schon wäre ich alle Gewichtsprobleme los.
„Aber vergiss nachher nicht auf den Kaugummi. Damit niemand etwas merkt.“
Damals war mir das als die ideale Lösung erschienen. Ich war als Kind eigentlich immer schlank gewesen, aber als ich dann in die Pubertät kam, hatte sich meine Figur verändert. Aber leider war „Size Zero“ das Maß aller Dinge und da konnte ich nicht mithalten. Mein Körper war ganz einfach nicht so gebaut. Und da ich immer schon gern gegessen hatte, fiel es mir auch schwer, ständig Diät zu halten. Vor allem, wenn ich an den Stellen, die mir wichtig waren, ohnehin kaum etwas abnahm.
Ich war noch lange nicht erwachsen und hatte schon unzählige Diäten ausprobiert. Das Ende vom Lied war dann immer, dass ich wieder zugenahm.

„Ich weiß gar nicht, was du hast! Du bist doch eine schöne junge Frau!“
Wie oft hatten meine Eltern damals versucht, mir gut zuzureden, wenn ich mich wieder einmal über meine Figur beschwert hatte. Aber natürlich hörte ich nicht auf sie. Was wussten die schon! Ich war fett, einsam und hässlich. Wenn ich mich in den Spiegel schaute, sah ich nur Hüften und Oberschenkel, die einfach nicht in die angesagten Jeans passen wollten. Mein Idealmaß orientierte sich an Models und Schaufensterpuppen.
„Du willst doch nicht aussehen wie die, oder?“
Kopfschüttelnd versuchte meine Mutter mir zu erklären, dass man Menschen nun einmal nicht über einen Kamm scheren konnte. Doch genau das wollte ich! Ich wollte dazu gehören und das ging nun einmal nur, wenn man schlank war. Zumindest glaubte ich das damals. Schmale Hüften, wenig Taille und Beine, die so dünn waren, dass sie aussahen, als würden sie gleich in der Mitte abbrechen. Das war es, was ich wollte. Und so fing ich an, mein Gewicht übers Erbrechen zu kontrollieren.
„Gut siehst du aus! Hast du abgenommen?“
Solche zweischneidigen Komplimente spornten mich anfangs enorm an. Denn absichtlich zu erbrechen ist nicht angenehm und gerade am Anfang musste ich mich ziemlich überwinden. Im Laufe der Zeit fiel es mir aber immer leichter. Bald war der heimliche Gang aufs Klo fixer Bestandteil meiner täglichen Routine, oft sogar mehrmals am Tag. Egal, ob Frust in der Schule oder später Stress im Job: Essen und erbrechen. Wenn ich Liebeskummer hatte: Essen und erbrechen. Bei Streit mit einer Freundin: Essen und erbrechen. Wenn mir langweilig war und ich nichts mit mir anzufangen wusste: Essen und erbrechen. Und als ich dann in meine erste eigene Wohnung gezogen war, musste ich auch niemandem mehr etwas vormachen. Noch nicht einmal mir selbst. Es war wie eine Sucht.

Mein Leben bestand nur noch darin, heimlich Essen in mich hineinzuschaufeln und es dann ebenso heimlich wieder auszukotzen. Jahrelang fiel mein Doppelleben niemandem auf. Ganz im Gegenteil, meine Kolleginnen im Büro bewunderten mich oft für meine „Disziplin“. Denn wenn die anderen mittags essen gingen, holte ich mir oft nur einen kleinen Salat oder ich ließ das Mittagessen gleich ganz ausfallen. Dafür habe ich dann abends zu Hause umso mehr gegessen. Und weil Unmengen von Lebensmitteln natürlich auch ins Geld gehen, war Qualität schon lange kein Thema mehr. Meistens habe ich mir abends einfach einen Topf voll mit Nudeln gekocht und irgendeine billige Fertigsoße darüber geschüttet. Als Nachspeise gab es dann noch Pudding, Chips und Schokoriegel. Das Essen verschaffte mir eine Art von Befriedigung, wie ich sie sonst nirgends mehr spürte. Als ob es ein Loch in meinem Inneren gab, das unbedingt gestopft werden musste. Es war ein richtiger Teufelskreis. Ich fühlte mich mies und deshalb habe ich wie verrückt gegessen. Und weil ich mich danach nur umso schlechter fühlte, habe ich alles wieder erbrochen. Ein Desaster, aus dem ich schon lange keinen Ausweg mehr sah. Solange, bis meine Fassade erste Risse bekam.

„Ihre Zähne sehen schlecht aus.“
Als ich nach längerer Zeit wieder einmal zur Kontrolle bei meiner Zahnärztin war, sah sie mich ziemlich seltsam an.
„Regelmäßiges Erbrechen greift den Zahnschmelz an.“
Und dann erklärte sie mir, dass beim Erbrechen immer wieder Magensäure in den Mund gelangte. Das könne nicht nur zu Problemen mit der Speiseröhre und etlichen anderen Beschwerden führen, sondern auch zu Zahnschmelzabbau und Karies. Offenbar war ich nicht die einzige Patientin, der sie diese Mitteilung machen musste. Aber natürlich tat ich erst einmal so, als ob ich keine Ahnung hätte, wovon sie sprach Nie und nimmer hätte ich zugegeben, dass ich krank war und Hilfe brauchte. Dass ich mich elend, depressiv und ausgelaugt fühlte und mein ganzes Leben sich nur noch um ein einziges Thema drehte.
„Wenn Sie wollen, gebe ich Ihnen eine Adresse mit. Die bieten dort gute Beratung an.“
Als mir die Zahnärztin die Broschüre einer Beratungsstelle für Essstörungen in die Hand drückte, ohne näher auf meine gespielte Ahnungslosigkeit einzugehen, glaubte ich, vor Scham in den Erdboden versinken zu müssen. Wie hatte es nur so weit kommen können?

Tatsächlich hat es dann auch noch eine ganze Weile gedauert, bis ich in der Lage war, Hilfe anzunehmen. Und ehrlich gesagt, weiß ich nicht, ob ich es geschafft hätte, wenn zu den Problemen mit den Zähnen nicht auch noch weitere Probleme gekommen wären.
Es fing mit einer Erkältung an, die einfach nicht weg gehen wollte. Auf Anraten meines Hausarztes ließ ich eine Blutuntersuchung machen. Als er mir dann das Ergebnis präsentierte, wurde mir mulmig zumute.
„Ihre Blutwerte sind absolut nicht in Ordnung.“
Besorgt schaute er mich an.
In diesem Moment beschloss ich, mich ihm anzuvertrauen. Ich konnte ganz einfach nicht mehr und ich hatte Angst, nun auch noch körperlich ernsthaft krank zu werden.
Mein Arzt hörte mir geduldig und verständnisvoll zu.  Im anschließenden Gespräch erklärte er mir, dass ständiges Erbrechen neben einer Reihe anderer gesundheitlicher Beschweren auch zu Kaliummangel führen könne. Und der wiederum zu Herzrhythmusstörungen.
„Damit ist wirklich nicht zu spaßen.“

Das war der Augenblick, in dem mir klar wurde, dass ich etwas ändern musste.
Mittlerweile bin ich seit ein paar Monaten in Psychotherapie. Anfangs ist es mir nicht leicht gefallen, über meine Probleme zu reden. Aber meine Therapeutin hat mir erklärt, dass hinter einer Essstörung nicht nur Gewichtsprobleme stehen, sondern sehr viel tiefer gehende Problematiken.
„Aber wieso? Ich habe doch keine unglückliche Kindheit gehabt!“
So ganz wollte ich mir das alles immer noch nicht eingestehen.
„Das muss auch nicht immer die Ursache sein. Jeder Mensch bringt auch eigene Voraussetzungen, Stärken und Schwächen in sein Leben mit.“
Je mehr Zeit vergangen ist, desto mehr habe ich erkannt, dass es um meinen Selbstwert nicht allzu gut bestellt war. Gezeigt hat sich das an dem Gefühl, nicht dazu zu gehören. Deshalb bin ich auch auf die Idee gekommen, ich müsse gertenschlank sein, um gemocht zu werden. Aber langsam wird mir klar, dass ich sehr viel mehr zu bieten habe. Trotzdem liegt noch ein weiter Weg vor mir. Denn natürlich gibt es auch immer wieder mal Rückschläge. Ich habe nicht von einem Tag auf den anderen aufgehört, mein Essverhalten zu ändern und genau so, wie sich die Krankheit Schritt für Schritt entwickelt hat, braucht es auch Geduld, um langsam wieder gesund zu werden.
„Aber Sie sind auf einem guten Weg.“
Die Unterstützung meiner Therapeutin hilft mir, nicht aufzugeben und mittlerweile bin ich auch in der Lage, offen über alles zu sprechen. Mein geheimes Doppelleben hat mich sehr viel mehr belastet, als mir klar war. Auch, wenn Alkohol- oder Spielsüchtige sicher auch keinen leichten Weg vor sich haben, haben sie doch einen entscheidenden Vorteil: Sie können auf ihr Suchtmittel verzichten. Auf Essen hingegen kann niemand verzichten. Es ist und bleibt Bestandteil unseres täglichen Lebens. Nicht zuletzt deshalb ist Aufklärung so wichtig. Aufklärung darüber, dass Schönheit nichts mit aufgesetzten Idealmaßen und irgendwelchen Kleidergrößen zu tun hat. Und darüber, dass Models in natura oft ganz anders aussehen als in Zeitschriften.

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